Einige Wochen nach der Veröffentlichung der großartigen Interpretation eines der Höhepunkte von Johann Sebastian Bachs Kunst, der Goldberg-Variationen, durch den Pianisten David Fray bei Erato, erscheint nun bei demselben Label die Version von Jean Rondeau am Cembalo. Zwei Interpretationen, zwei Visionen, zwei Ansichten. Während David Fray uns auf eine lange Reise mitnimmt, eine einzigartige ergreifende Erfahrung, eine Art "Winterreise" vor der Zeit, orientiert sich Jean Rondeau an Scarlatti. Unter den Händen des Cembalisten klingen die Goldberg-Variationen wie eine Antwort auf die 30 Essercizi per gravicembalo ("Übungen für das Cembalo"), eine Sammlung von 30 Sonaten des „Spaniers“, die 1738 in London veröffentlicht wurde. Die Goldberg-Variationen sind möglicherweise früher datiert, wurden aber 1741 als vierter Teil der „Clavier Übung“ veröffentlicht.
Jean Rondeau achtet nicht so sehr auf die Gesamtstruktur des Werkes wie seine Kollegen, sondern würdigt jede einzelne Variation, bis sie wie ein eigenes, vollständiges Universum erscheint – wie eine Sonate von Domenico Scarlatti. Der Franzose schließt sich neueren Interpretationen an, etwa der von Ignacio Prego (Glossa), der sich nicht scheut, einen unzusammenhängenden Eindruck zu erwecken. Jean Rondeau hat ein sehr schönes Cembalo – von Jonte Knif & Arno Pelto nach einem deutschen Modell. Durch die absolut präsente Tonaufnahme wird der Hörer mitten in das Instrument hineinversetzt und hypnotisiert, bis er keine Logik mehr sucht. Der Musiker hingegen wählt schwungvolle Rhythmen, erfindet neue Formate für die Tänze, lässt seiner Fantasie freien Lauf und porträtiert jede der Veränderungen in einer Anthologie des vorherrschenden Geschmacks im damaligen Europa. Wahrscheinlich haben Sie die Variation XIV noch nie so ausschweifend gehört, nicht einmal bei Pierre Hantaï (Mirare), während die Variationen in Moll durch ihre starke Expressivität (Variation XXI. Canone alla settima) erschüttern. In jeder Hinsicht beeindruckend. Noch besser: faszinierend, genial! © Pierre-Yves Lascar/Qobuz