Ohne seinem berühmten und bedauerten Erzeuger den Rang gänzlich abzulaufen, hat sich Bernard Allison seit über zwanzig Jahren im Bereich des Blues einen mehr als respektablen Vornamen gemacht, schon allein dadurch, dass er, wie Luther es ihm wärmstens ans Herz gelegt hat, vor der Rache der Puristen keine Angst hatte, als er in seiner Musik gehörige Portionen von Rock, Funk, Soul, Jazz u.a. untergebracht hat. Für dieses vierzehnte Studioalbum macht er sich erneut schmutzig, weil er sich wieder waghalsig in Bereiche wagt, von denen zahlreiche Bluesliebhaber nichts wissen wollen, am wenigsten von seinem sehr deutlichen Hang zum Funk. In die Schlacht wirft er sich mit „Crusin For A Bluesin”, einem nervösen R&B mit Swing, den man seinem Freund Stevie Ray zuschreiben könnte, mit dem er seine ersten Bühnenauftritte gemacht hatte, und von Anfang an ist man von diesem zugleich dynamischen und glasklaren Klang gepackt. Allison hat gut daran getan, sich wieder mit Jim Gaines zusammenzutun, diesem Produzenten, der schon mit Santana, Stevie Ray Vaughan, Miles Davis, John Lee Hooker oder natürlich Luther Allison Wunder vollbracht hat... Mit diesem Zauberer hinter den Reglern hatte der Musiker endlich die Mittel, seinen Ambitionen nachzukommen. Das wird schon mit dem darauffolgenden Titel mehr als offensichtlich, einem „Same Ole Feeling“ voller Rock, Pop und Funk, zu dem die Rolling Stones nicht nein gesagt hätten, wenn er auf „Miss You“ macht, auch wenn die Gitarre eher in Richtung B.B. King zu schielen scheint.
Wenn man einen solchen Klang erzeugen kann, kann man sich alles erlauben, oder fast. Obwohl er mit „Backdoor Man“ wieder auf einen klassischeren Blues Rock zurückgreift, und das mit einer immerhin recht beeindruckenden Slide-Partie, so wird der Titel „Let It Go“ und seine Pop-Rock-Melodie recht schnell haften bleiben, wenn man ihn unklugerweise zwei oder dreimal gehört hat. Geradeso als hätte er Prince zu Gast gebeten, macht Allison weiter mit einem „Night Train“ voller Groove, bevor er uns mit dem erstaunlichen „Kiddeo“ in den Jazzkeller bringt, dessen Melodie auch an Prince und seine „Girls & Boys“ (reiner Zufall?) erinnert. Er achtet sorgfältig darauf, nicht auf Klischees oder Parodien zu verfallen, denn der Boogie Blues des Titels „Leave Your Ego“ scheint äußerst subtil und ausgeklügelt, und das trotz eines äußerst behäbigen Rhythmus und eines vom Teufel besessenen Solos in der Art eines Jimi Hendrix. Erst auf dem achten Track lässt er sich zum ersten Mal mit „Blues Party“ auf den traditionellen Blues ein, und damit erweist er den großen Persönlichkeiten der Geschichte des Blues die Ehre, die beide, Bernard Allison sowie auch sein Vater, in ihrer Kindheit gehört haben. Die Bluesballade „Hey Lady“ hingegen entspricht eher den zugänglichsten Produktionen von Eric Clapton und John Mayer. „Look At Mabel“ könnte ebenfalls von einem von Claptons Alben stammen, als dieser ganz von JJ Cale vereinnahmt war, oder auch von Leuten wie Mark Knopfler. Nach einer respektablen Neufassung von Albert Kings „You’re Gonna Need Me“ verabschiedet sich Allison ganz schlicht - was mit der Raffiniertheit des restlichen Albums einen starken Kontrast bildet - mit „Castle“, einer warmherzigen Folk-Rock-Ballade. Daraufhin kann man sich fragen, ob dieses Let It Go noch zur Kategorie „Blues“ zu rechnen ist. Klar, die Wurzeln sind noch überaus deutlich zu erkennen. Das war aber auch der Fall bei Steely Dan, an den man mehr als einmal beim Anhören dieses Albums denkt, das eine ideale Gelegenheit ist, eine neue HiFi-Anlage zu testen. ©JPS/Qobuz