Von den neun Lektionen der Dunkelheit, die François Couperin geschrieben haben soll, sind uns heute drei überliefert. Sie wurden für die Ordensdamen der Klarissinnen des Klosters Longchamp bei Paris komponiert, das während der französischen Revolution völlig zerstört wurde. Diese Leçons bilden den Höhepunkt des barocken Pietismus während der letzten Jahre der Herrschaft von Ludwig XIV, die noch stark vom Jansenismus des vorausgehenden Jahrhunderts geprägt war. Die Abtei war für die Bevölkerung geöffnet und es war daher üblich, die Lektionen der Dunkelheit nicht in der Nacht, sondern am Mittwoch-, Donnerstag- und Freitagnachmittag aufzuführen. Die Aufführungen stellten ein gesellschaftliches Ereignis dar, an dem Pariser gerne teilnahmen. Die Gattung der Leçons de ténèbres war bei vielen Komponisten sehr beliebt, unter anderem bei Marc-Antoine Charpentier, der mindestens dreißig von ihnen komponierte, von denen uns aber nur wenige überliefert worden sind.
François Couperin nahm sich Anfang des 18. Jahrhunderts dieses etwas veraltete Genre vor und gab ihm eine neue Form, wobei er die nötige Strenge mit einem stark “italienisierenden” Ausdruck des Schmerzes verband und seinen Stücken dadurch eine betörende Sinnlichkeit verlieh. Die Troisième Leçon für zwei Stimmen ist in besonderem Maße mit affektreichen Koloraturen verziert. Dank dem Genie von François Couperin liegt dieser übersteigerte Ausdruck des Schmerzes nie sehr weit von der Oper entfernt, die während der Fastenzeit nicht aufgeführt werden durfte. Dadurch war es möglich, das herrliche Schauspiel der tiefsten und subtilsten menschlichen Leidenschaften unter dem Deckmantel der Religion mitzuerleben. Das Ensemble Les Ombres unter der gemeinsamen Leitung von Margaux Blanchard und Sylvie Sartre bietet uns auf diesem neuen Album die Leçons de ténèbres neben Auszügen aus anderen Messen und Motetten von Couperin in einer Hell-Dunkel-Atmosphäre, die geschickt französische Strenge mit köstlicher italienischer Theatralik verbindet. © François Hudry/Qobuz