"I wake up with the smell of you in my hair / it was like a familiar dream we shared". Der Songeinstieg zoomt auf den kleinen Moment im Übergang zwischen Schlafen und Wachen, den Mini-Punkt, an dem 'aminerge Neurotransmitter' unser Gehirn fluten und wir uns an Träume mehr oder weniger erinnern. Die richtige Kulisse für "Nachtlieder", "Nightsongs".
Yael Naim kann sich bisher auf einen Hit berufen, "New Soul", der dank eines Produkt-Werbespots die Welt eroberte. Dabei stammt die Sängerin aus Frankreich, somit einem Land, das nur selten Chartbreaker in die Welt aussendet. Statt das französische Revier des Chanson-Pop ins Visier zu nehmen und an den Erfolg jenes groovenden "New Soul" anzuknüpfen, macht Yael hier etwas reichlich anderes: eine sehr persönliche Platte mit experimentellen Synthesizer-Passagen, vor autobiographischem Hintergrund.
Das Piano dominiert etliche Tracks, zum Beispiel "Des Trous", zu deutsch "Löcher". 'Songwriter-Ballade' charakterisiert die "Nightsongs" am treffendsten. Aber Echo-Effekte auf "Watching You" und die Background-Chöre in "She", "Back" und "My Sweetheart" strahlen derweil die sakrale Stimmung von Gospel-R'n'B aus. Mit dem Spätwerk Leonard Cohens, seinen Keyboard-Arrangements und seiner Zusammenarbeit mit Soul-Folk-Expertin Sharon Robinson haben die Song-Outfits einige Parallelen. Das Musikalische bleibt nicht die einzige Gemeinsamkeit mit Cohen.
Yael gestaltet ihre Texte überaus existentiell, existentialistisch. Der Tod ihres Vaters beschäftigt sie. Das Thema, das die Entstehung der Platte begleitete, muss man sich zwar nicht zu Herzen nehmen; da wahrt die Sängerin eine gesunde Distanz zum Hörer. Aber sie berührt, wenn man sich darauf einlässt.
Der Song "Daddy" eröffnet in medias res das Album. In dieser Ballade setzt sich die Künstlerin mit den Gefühlen des Verlusts und der entsprechenden Ohnmacht und Vergänglichkeit auseinander. Dafür findet sie eine elegante, luftige Form und verzichtet auf Plattitüden und Pathos.
Dass die Sängerin nicht darum herum redet, dass sie ihren Vater vermisst, und dafür nur sehr wenige Worte braucht, ist ausgesprochen sympathisch und mutig. Nach der Zeile "Daddy died" hält sich Yael mit Text zurück, summt nur noch, verstummt dann, deutet eine Schweigeminute an; der Song hört kurz auf, bevor Yael es sich dann doch anders zu überlegen scheint und sphärische Töne à la Julia Holter übernehmen. Weder manieriert noch konturenlos wirken die Instrumental-Parts und grenzen sich so zu Holters Klang-Quark ab.
Anders als etwa Alice Phoebe Lou ihre Hörer recht stark involviert und in ihre Stories hineinzieht, treibt einen Yael Naim nicht übertrieben tief in die emotionalen Untiefen. Sie lässt Wahlmöglichkeiten offen. Ihre Stimmungen, wie sie diese spürt und weitergibt, regen an - sie verpflichten nicht. Nur weil Yael über Trauer singt, muss man sich nicht auch traurig fühlen. Auch wenn es sehr introspektiv und ruhig im Tempo wird, muss sich keiner von der leicht schläfrigen (somit fachgerechten) Gestaltung der "Nightsongs" anstecken lassen. Der meist pulsierende Flow der Songs lässt das Album sogar quirlig erscheinen.
Formal hält die maghrebinische Israeli-Französin Yael es weltoffen und liberal. Zwar macht sie keine 'Worldmusic', pflegt aber den weltmusikalischen Bruch mit dem Konformen, Glattgebügelten. Sie setzt den längsten Song als Opener ein. Klassische Pop-Regeln einer Albumgestaltung befolgt sie kaum, Tabuthemen kennt sie keine, simpel beginnende Melodien biegt sie in neue Kurven um. Intuition und Eigensinn regieren über Logik und Marketing. Diese Platte plädiert unterschwellig fürs Bauchgefühl und für Aufrichtigkeit, sich selbst gegenüber. Diese CD sucht nach Antworten: "Seasons will come and go / Waiting for answers to go" heißt es in "Watching You".
Zu ihren klugen Selbstfindungs-Texten entfaltet Yael Naim ein Panoptikum des Wohlklangs. Doch wie vertont man so etwas Abstraktes wie den Umgang mit der Endlichkeit des Lebens? "God, help me not to fall / how come that we've grown so tall?" heißt es in "My Sweetheart", einem Track von Leonard Cohen'scher Metaphorik und philosophischer Grundsätzlichkeit, und hier überträgt sich die Angst vor dem Fallen plastisch in die Akkordverläufe. Allgemein schlagen die Kadenzen in den "Nightsongs" mal den Bogen über einen Zwischenakkord und strotzen mit aller Kraft der Versuchung, vorhersehbar zu werden. Gibt es Surreales aus Träumen zu vertonen, übernehmen Synthie-Wabbeltöne diesen Part. Sie mischen sich mit klareren, kantigeren Klavierklängen, immer wenn die wache Erkenntnis obsiegt. Alles klingt ästhetisch, nichts dissonant - aber auch nichts süßlich.
Die Melodien dürfen mal kurz eingängig sein, bald aber entwickeln sie sich 'molliger' und introvertierter, und meist überraschen die Akkordfolgen. Diese Harmonien sind 'special', so special wie auf "Abbey Road" von den Beatles. "Something" oder "Because" nachzuspielen, ist verdammt schwierig wegen bestimmter Dominantsept-Spezial-Akkorde mit verminderten Quinten und Septimen oder gar Dreiklängen ohne Fachbezeichnung in der Musikwelt wie dem C maj 7-Akkord. Fragt man sich, ob nicht irgendwann alle Tonleitern und Kadenzen durchgenudelt sein müssten, beantworten die "Nightsongs" das mit 'nein'. Yael wagt sich auf Wege, die noch nicht oft betreten wurden.
Hinzu kommt die Umsetzung, dank der phänomenalen Stimme der Künstlerin. Hoch intoniert sie, sogar sehr hoch, glasklar, aber nie zerbrechlich. Schwierige Tonsprünge nach oben durchschifft sie sicher, sogar meisterlich, etwa im Song "Back".
Sich mit der Rolle der ätherischen Elfe zu begnügen, dieses Singer/Songwriter-Motiv hat hier ausgedient. Das Nahe, Trost Zusprechende in "Familiar" klingt gar nicht so, als ob sie diejenige wäre, die um eine starke Schulter zum Anlehnen bittet - stimmlich eher so, als ob sie selbst uns diese anbietet, alles unter Kontrolle hat und vertraulich ihre Liebe teilt.
Mit ihren Themen, Stimmungen, Texten und Tönen richtet sich die kreative Künstlerin an Fans und Sympathisanten von Hope Sandoval, Natalie Merchant, Sophie Hunger, Joan As Police Woman, und eben von Cohen, auch von David Sylvian. Allen Genre-Fremden bieten sich die "Nightsongs" als Einstieg in diese subjektive, persönliche Welt der Singer/Songwriter-Selbstreflexion an. Yael Naim hat ein Aushängeschild für ihr Genre geschaffen.
© Laut